In so einem Alter kannst du was erzählen
                                                                     In so einem Alter kannst du was erzählen                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

4 | Im März 1945 kommen die Amis

Sie kamen langsam auf beiden Seiten der Sauerstraße in Nied von der Mainzer Landstraße her, eng an den Hauswänden entlang, die Gewehre in beiden Händen im Anschlag. die Amerikaner.

Zwischen dem Trümmergrundstück und dem Eckhaus der Franz-Simon-Straße gab es eine Straßensperre. Der Landsturm hatte sie gebaut: Jugendliche und alte Männer. Sie bestand aus allem möglichen Gerümpel. In der Mitte der Sauerstraße fuhr – die Soldaten auf beiden Seiten – ein Panzer. Mühelos walzte er das Gerümpel platt.

 Ich sehe die Soldaten langsam näher kommen.. Rechtzeitig gingen wir ins Haus, der Willi, die Frauen und ich. Der Parteigenosse war schon ein paar Tage vorher abgehauen.  Angst hatten wir schon, als die  GIs im Haus hoch stiegen in unseren zweiten Stock. Der Offizier der Gruppe sah meine Mutter, die schwanger war, und mich daneben, er lächelte: "Okay";. Dann waren sie weg und wir ganz schön erleichtert. Sie durchkämmten jedes Haus.  

Es folgten die Sperrstunden. Da hingen ab 18 Uhr fast alle in der Sauerstraße an den Fenstern. Ich stand hinter dem Haustor, als ein Jeep mit US-Soldaten neben dem Bürgersteig vorfuhr.

Der Schwarze auf dem Beifahrersitz bot mir Chocolate[1] an. Er war der erste Schwarze, den ich sah. Ich traute mich nicht auf den Bürgersteig., auch wegen der Sperrstunde. "Ei, Gerti, sei doch net so blöd, geh doch hi.."; schallte es aus den Fenstern.   


[1] In der Eisenbahnersiedlung hatten die Nazis verbreitet: „Nehmt keine Schokolade von den Amis; die ist vergiftet.“

 

 

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© Gert Linz