In so einem Alter kannst du was erzählen
                                                                     In so einem Alter kannst du was erzählen                                                                                                                                                                                                                                                                                                         

2 | Im Chemiegestank geboren - aber kaum geboren war schon Krieg

 

 

 

In meiner Geburtsurkunde hängt das Hakenkreuz am deutschen Adler. Der Eintrag kostete 0,20 RM[1]. Das war also vor dem 2. Weltkrieg, In Frankfurt am Main – Höchst geboren steht da, nicht Asyl der Farbwerke Hoechst. Ich bin im Asyl geboren, dem Entbindungsheim auf dem Gelände der  späteren Hoechst AG, weil mein Vater Rotfabrigger war. So hießen in der Gegend die Arbeiter der Farbwerke. Ihre Frauen durftendort die Kinder gebären. So konnten die Nachkommen gleich mit den ersten Atemzügen mit dem Chemiegestank vertraut werden.

Mein Bruder ist nach dem 2. Weltkrieg geboren – zu Hause; da kostete der Eintrag immer noch 0,20 RM. Aber   nach dem Einmarsch der Amerikaner hatten die Standesbeamten  hurtig das Hakenkreuz aus dem Amtsstempel geschnitten.


[1] Reichsmark – bis zur Währungsreform am 20.Juni 1948 gültig

Nach meiner Geburt am 24. Juni 1939 waren es 5 Wochen bis zum Beginn des 2. Weltkrieges. Abgesehen von der einen Bombe, die schon 1941 schräg anfliegend im Keller unter meinem Kinderzimmer einschlug und den Luftangriffen, dann 1944, waren meine ersten 6 Lebensjahre schön. Im Sommer ging es an den   Badeplatz an der Nidda. Der Garten der Großeltern Boxleitner in der   Eisenbahnersiedlung ist mir in bester Erinnerung. Im Winter konnten wir am Bahndamm rodeln. Spielen uff de Gass war kein Problem: Mudder derf ich übber die Brigg? Wir wohnten ideal in der Sauerstraße 29: zur Nidda waren es vielleicht 500 m, zum Main und zur Wörthspitze mit der Niddamündung vielleicht 1 km.

Im Kindergarten von St. Markus in der Beunestraße 1 haben sie mich sozialisiert. Eine Dernbacher Schwester meinte: „Der Gert ist so ein lieber Junge, der wird bestimmt mal Priester.“ Viel später habe ich mich darüber geärgert: aber einen guten Blick hatte die Nonne schon!

Als die Bomben dann doch öfter fielen, haben sie mich mit einem Flieger[1] im Hof fotografiert. Heute für mich völlig unverständlich.         

 

[1] Flieger hießen bei uns die Flugzeuge

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© Gert Linz