In so einem Alter kannst du was erzählen
                                                                                          In so einem Alter kannst du was erzählen                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     

DIE EINS

Die unmenschliche Untersuchungshaftanstalt –

JVA Frankfurt am Main I – 1973 bis 1997

Von den 24 Jahren, die das Untersuchungsgefängnis existierte, habe ich 12 Jahre miterlebt. Das waren auch seine letzten. Die meisten Texte und Fotos für diesen Bericht habe ich selbst gesammelt oder erstellt. In den Archiven war one-line noch nichts zu finden. Wahrscheinlich kamen die Akten ins HHStA in Wiesbaden. Manchmal hat die Presse berichtet. 

"Bullen,Richter, Staatsanwalt in die neue Haftanstalt" skandierten Demonstranten, als im Mai 1973 die Untersuchungsgefangenen von der alten Anstalt, der "Hammelsgasse" in die neue in Frankfurt-Preungesheim verlegt wurden. Mit ca. 1000 Gefangenen bei 613 Haftplätzen war sie sofort überfüllt. Kilp  

Immer wieder gab es diese Überbelegung in den 24 Jahren des Bestehems der EINS, je nach dem jeweiligen Verhaftungstrends, den weltweiten Drogenrouten oder anderen Einflüssen.

 

Gallineros nannten die Latinos den an eine Käfighaltung erinnernden Betonklotz. Es muss immer wiederholt werden. Das war ein Untersuchungsgefängnis für Menschen, die bis zu ihrer rechtskräftigen Verurteilung für unschuldig zu gelten hatten. Damit ja keine Lichtsignale oder Blicke von aussen und innen wandern konnten, hatten die Erbauer, wer immer das war, die Betonblenden erfunden. "Diese Mauer vor den Gittern" nennt sie der Gefangene xx in  einem Brief an den Pfarrer s.o.. Die Rufe, das Geschrei, den Lärm der Landsleute, Angehörigen von der Straße, aus den 11 Stockwerken hoch und runter, kreuz und quer und hinten aus den Schrebergärten konnten sie dennoch nicht verhindern. 

 

Preungesheim - seit 1889 Synonym für Gefängnis

Zunächst war dort vor den Toren Frankfurts nur eine Strafanstalt; 1958 kam das Gustav-Radbruch-Haus, der Offene Vollzug dazu. Die Lücke zwischen beiden Anstalten füllte  die Untersuchungshaftanstalt für Männer

Strafanstalt

Früherer Zugang von der Homburger Landstraße aus durch die Verwaltung unter Kirche

 

Untersuchungs-haftanstalt

Eingang und Einfahrt vom Parkplatz aus. Obere Kreuzäcker Straße 4

Zellentrakt und Multifunktionsgebäude davor

Gustav-Radbruch-Haus - Offener Vollzug

Foto Linz aus dem 11. Stock der JVA I vor 1997.

Was so alles passiert

                                        aus meinem Tagebuch 15. September 1985

 

       Ich muss achtgeben, dass meine Elefantenhaut nicht schon zu dick wird. 

  • Einem Libanesen wird das Essen verweigert, weil er in einem “schlafanzugähnlichen“ Gewand aus der Zelle kommt. So ein Trottel vom AVD kann sich nicht vorstellen, dass man im Libanon nicht unbedingt im Anzug rumläuft.
  • Ein Holländer aus Curaçao kriegt kein Essen, weil er eine Turnhose trägt.
  • Ein Jude, dessen Sohne gestorben ist, darf nicht mit zwei anderen Juden die Trauerstunde halten, wie es sein Gesetz vorschreibt, weil vor Jahren ein Oberstaatsanwalt jede Zusammenkunft von Israelis untersagt hat – telefonische Auskunft von Klüsener, dem Anstaltsleiter.
  • Männer, die laut Anklage Komplizen waren, dürfen nicht zusammen in den Gottesdienst oder in eine Gruppe, obwohl der Richter nichts mehr dagegen hat (schriftlich bestätigt!), weil sie ja wieder etwas zusammen „anstellen“ könnten.
  • „Wunschverlegungen gibt es nicht“, heißt es immer wieder von Bereichsleitern und der Zentrale – und dann wird doch „wunschverlegt“ – nach Maßstäben, die keiner versteht. Ich muss taktieren. Bereichsleiter Schneider, ein alter bayerischer Knallkopp, lehnt die Verlegung von Okuwo ab: „Hat Komplizen.“ Ich behaupte nein, habe nachgesehen und sehe noch einmal nach. Er hat wirklich keinen, sein Komplize ging im Juli. Jetzt fühlt sich Schneider verpflichtet, besucht Okuwo und will verlegen, sobald was frei ist.
  • Der Stationsbeamte im Kleinen Haus hat mich angerufen, ob ich nicht etwas Tabak übrig hätte. Es gäbe da so viele arme Schlucker, die keinen Einkauf und nichts hätten. Ich habe ihm den Tabak sofort gebracht. Wenn Beamte etwas für Gefangene tun, ist das prima.
  • Am Sonntag habe ich im Gottesdienst zwei Nigerianer getauft: Bangbabe und Ogunjimi. Sie standen da wie eine Eins und waren so aufgeregt.. Ob die fünf Taufgespräche genützt haben, die wir miteinander geführt haben und sie jetzt etwas mehr wissen über den christlichen Glauben? Als die Taufe beendet war, gab es starken Applaus.
  • Heute hatte ich die Idee, an das Goethe-Institut zu schreiben. Das hier der ideale Platz wäre, Deutsch in die Welt zu tragen. Obwohl ich das alles sehr konkret geschildert habe, mit methodischen Überlegungen, kommt keine Antwort.

Innenansichten

Ein Stockwerk gleicht dem anderen 

11 mal

an beiden Enden ein Treppenhaus zur Freifläche - in der jeder Etage die Stationskabine - daneben auf beiden Seiten je ein Freizeitraum

je 3 Etagen mit Treppen verbunden 

zur Suizid- und Lärmverhütung später wieder mit Netzen- bzw. Zwischendecken getrennt

2 Personen

Von Gefangenenauch "Wohnklo" genannt. "Für Akfrikaner aus Trockengebieten: "paradiesicherweise kommt hier das Wasser aus der Wand." Klüsener

Eine Stunde Heimat in der Fremde

Ausländische Pfarrer im Gefängnis

Sie kommen fast alle, die Spanier und Südamerikaner, die Italiener und Kroaten, wenn ihre Pfarrer zum Gottesdienst in den Frankfurter Gefängnissen sind. Die Pfarrer kommen regelmäßig trotz ihrer schweren Belastungen in den fremdsprachigen Gemeinden des Rhein-Main-Gebietes. Sie kommen gern, weil sie die Nöte ihrer Landsleute spüren und im Gefängnis hautnah erfahren. Die Gottesdienste sind natürlich auf weite Strecken mehr Gesprächskreise.

Die Pfarrer hören zu und können helfen. Die Gefangenen können mit ihnen unbefangen in ihrer Muttersprache reden. Sie vertrauen ihnen die Sorgen um ihre Familien und Freunde an, sie sprechen über ihre Schuld und Einsamkeit. Sie leben auf, wenn der Gottesdienst in der ihnen gewohnten Weise gefeiert wird und ihre Lieder erklingen. Sie singen – oft begeistert und laut, als wollten sie alles Fremde hier vergessen.

 

Büroblicke - gesiebt

Neuer Anstaltsleiter - Ministerium fordert Betreuungsverbesserung                          1991

ePaper
Zur Situation ausländischer Gefangener in der U-Haft. - Ein Berich! für die Bundes-Arbeits-Gemeinschaft Straffälligenhilfe - AG Untersuchungshaft

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Taunusblick

Im Multifunktionstrakt gab es zwei Freihöfe, die bei schlechtem Wetter genutzt wurden. Eine fürsorgliche Person im Justizministerium hatte eines Tages die Idee ein Holzpodest  an die Gitterfenster zu bauen, damit die Gefangenen einen Blick auf den Taunus hätten. Keine Frau konnte danach auf der Oberen Kreuzäckerstraße vorbeigehen, wenn Freistunde war, ohne mit grellen Pfiffen und Rufen belästigt zu werden.

2001

Der Abriss

Die Fotos stammen von einem Anwohner der Oberen Kreuzäckerstraße. Das Foto der Anstalt vor dem Abriss stammt von der Kath. Gefängnisseelsorge Frankfurt am Main 1995. Das Copyright nimmt Gert Linz wahr. 

Veröffentlichungen als nur mit seiner Genehmigung.

24 Jahre Hühnerkäfig

Nachruf auf die JVA Frankfurt am Main I

 

Natürlich kann man sagen, hätte es die „Eins“ nicht gegeben, gäbe es heute Weiterstadt nicht. Aber mußte das alles sein? Schon bei der Einweihung 1973 wunderte sich der Berichterstatter der FAZ über die so grundverschiedenen Ansichten zweier Haftanstalten: dass so die U-Haftanstalt aussehen mußte und die daneben liegende Strafanstalt „Gustav-Radbruch-Haus“ ganz anders, viel humaner. Erst recht innen: 9,6 qm für meist 2 Gefangene. Gleich zu Anfang war der Betonklotz mit 1000 Mann überbelegt,dann fast immer 800, 560 gab es mal in den 80er Jahren – das war dann fast Normalbelegung. Die ersten zwei Monate hatte ein Untersuchungsgefangener nur eine Stunde Freizeit, d.h. wenn er nicht gerade Besuch hatte oder an einer der wenigen Gruppen der Seelsorge teilnahm, war er 23 Stunden  in der Zelle auf 9,6 qm eingesperrt, meist zu Zweit.

Kein Wunder, dass es viele Suicide gab, besonders in den ersten zwei Monaten der Inhaftierung, in denen es nur die 60 Minuten der gesetzlich vorgeschriebenen Freistunde gab, "damit wir sie besser kennenlernen", wie der Anstaltsleiter meinte. In einem Jahr gab es einmal 8 Tote. Kein Wunder auch, dass da wenig übrig blieb für Verarbeitung der Tat, Wiedergutmachung und Planung eines Lebens in sozialer Verantwortung.

Kaum jemand hat auch an die gedacht, die hier arbeiten mußten. Viele haben ihre Tätigkeit vorzeitig beenden müssen, Gesundheit und Berufsmotivation verloren Und mancher träumte von „guten“ alten Knast in der Hammelsgasse.

Man hätte eine Gedenkstunde abhalten müssen in diesen Tagen als die „alte“ JVA Ffm I  abgerissen wurde. Mit dem Gedenken an die Qualen, die dort erlebt wurden, die Einsamkeiten, den höllische Lärm in den Nacht, die Ängste vor der Zukunft, die Rechnungen, die beglichen wurden beim Duschen und im Treppenhaus beim Gang zur Freistunde, die Dramen in den Besucherzellen. Mit dem Gedenken aber auch an die Opfer derer, die hier eingesperrt waren. Aber auch an alle, die hier unschuldig eingesperrt waren, und dann nach der Entlassung vor einem Scherbenhaufen standen. - Statt einer Gedenkstunde dieser Nachruf: 

Ihr alle, die Ihr hier reinseht, gedenkt der ungezählten Qualen .....

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© Gert Linz