Mutter-Kind-Heim bei der Frauenhaftanstalt ( JVA Fankfurt am Main III) - Der "Fremdkörper" im Strafvollzug
 Mutter-Kind-Heim bei der Frauenhaftanstalt ( JVA Fankfurt am Main III) - Der "Fremdkörper" im Strafvollzug

3 | Bomben in Nied -                                                               Es stand doch nicht mehr alles

 

Willi, der Mitbewohner im Haus, ging immer als erster die Kellertreppe  nach oben, wenn die Luftangriffe vorüber waren. Er schaute auf die gegenüber liegenden Häuser, ging auf den Hof, schaute nach rechts und  nach links und winkte uns dann alle aus dem Luftschutzkeller nach oben: „Steht noch alles!“ Am Geruch in der Luft merkten wir dann schnell, dass  nicht überall noch alles stand. Wir rennen ans Hoftor. An der Ecke Sauerstraße / Franz-Simon-Straße hatten die Bomben das Haus in einen Schutthaufen verwandelt. Stumm schauen wir von weitem zu, wie Rettungskräfte den Schutt bearbeiten. Erst allmählich wird mir klar: Da müssen Menschen drunter liegen, Erwachsene und Kinder mit denen ich gestern gespielt hatte - auf de Gass. Das begreift ein Kind nicht so schnell.

 

        Gegenüber vom Schutthaufen war ein Briefkasten; der hing jetzt halb zerstört von der Wand;  Briefe lagen im Schnee – von keinem beachtet. Später als die Trümmer sich gesetzt hatten, haben wir auf den Schutthaufen gespielt, wie alle Kinder in Frankfurt. Das gab Rollerabfahrten im Sommer und  Schlittenabfahrten im Winter. Im Winter, dem harten 1946/1947, verhüllte der  Schnee liebevoll die Schutthaufen. Kücheneinrichtungen hingen  auch im Winter noch von den Ruinenwänden.

 

 

          Mein Vater war in Nordfrankreich Soldat später PW bei den Amis, also meine Mutter mit mir allein. Sie hatte immer eine Tasche mit den wichtigsten Dingen: Papiere, Getränke, Essbares… neben dem Bett stehen. Sie schlief nie fest, denn sie hörte immer unser besonderes Warnsignal: Wenn mitten in der Nacht ein Fahrrad auf der Sauerstraße vorbeiklapperte, wusste sie: gleich gibt’s Alarm. Hat immer geklappt. Das Fahrrad gehörte einem Bahnbeamten, der vor dem Fliegerangriff immer etwas früher gewarnt wurde und auf den Bahnhof Nied aufzupassen. Wir waren immer die Ersten im Luftschutzkeller.

 

           Der Keller war in diesen Jahren der Kühlschrank. Auf der Kellertreppe standen die Butter, die übrig gebliebenen Speisen vom Vortag, Gemüse; die Kartoffeln waren unten nebenan. Der Kellerboden war festgestampfter Lehm, kein Beton. So konnte es sein, dass bei Hochwasser der Nidda das Wasser auch in unseren Keller drang. Davor hatten wir wirklich Angst. Zum Nachbarhaus gab es einen leicht zugemauerten Durchgang, damit man sich retten konnte, wenn das Haus über dem Keller zusammengebombt würde. Was passieren würde, wenn auch das Nachbarhaus zusammengebombt wäre, habe ich mich damals schon gefragt. Die Kellerdecke war mit dicken Hölzern abgestützt über deren Unterlegkeile man stolperte.

In Nied, wie in allen Westlichen Vororten von Frankfurt, die die Alliierten wegen der Farbwerke Höchst schonen wollten, gab es nur wenige durch Bomben zerstörte Häuser, anders als in der Frankfurter Innenstadt.

 

 

Die Bilder oben zeigen die Niddaschule vom Juxplatz aus mit dem zerstörten Dach und Obergeschoss. Die Flakstellung war das eigentliche Ziel des Angriffs. Zweites Bild: Von der Oeserstraße  sah die Schule nach dem Beschuss so aus. Das dritte Bild ist die Ansicht des katholischen Pfarrhauses an der Mainzer Landstraße. Rechts sieht man noch einen Teil der Sakristei von St. Markus.

Fotos aus Nied am Main, Adalbert Vollert, Hrsg.

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© Gert Linz